16. März 2022

Frauensolidarität im Krieg

AMICA in der Ostukraine

Ein Bericht von Birgitt Wulff-Pfeifer

Mobiles Team in der Ukraine 2019. © AMICA e.V.

Seit fünf Jahren unterstützt die Frauenrechtsorganisation AMICA e.V. Frauen in der ostukrainischen Region Donbass, wo seit 2014 Krieg herrscht. Nach Beginn des russischen Angriffskriegs am 24. Februar hat die Partnerorganisation vor Ort in und um Mariupol sofort Nothilfe für die Menschen organisiert. AMICA unterstützt sie dabei.

Aus Mariupol erreichen furchtbare Nachrichten das Freiburger Büro der Organisation: Die Stadt im Südosten der Ukraine ist vom russischen Militär vollständig eingekesselt und steht unter Dauerbeschuss. Es gibt keinen Zugang zu Wasser und Strom, Heizung und Internet fallen aus. Die Partnerorganisation von AMICA berichtet, dass zivile Einrichtungen, Schulen und Krankenhäuser beschossen werden. Einige der Dörfer, in denen sie arbeiten, wurden komplett zerstört. Zivilist*innen sind die Hauptleidragenden – schon seit 8 Jahren kämpfen dort pro-russische Separatisten und ukrainisches Militär. Durch den russischen Angriff nimmt dieser Konflikt ganz neue Dimensionen an.

Angesichts der akuten Notlage ist die AMICA-Partnerorganisation sofort aktiv geworden: Mit medizinisch und psychologisch geschultem Personal haben sie Menschen aus den zerstörten Dörfern evakuiert. Bevor Mariupol vollständig eingekesselt wurde, ist es ihnen zudem gelungen, einen Evakuierungs-Bus mit Frauen, Kindern und älteren Menschen aus der Stadt herauszubringen. „Die Psychologinnen und ein Arzt haben eine Gruppe im Bus begleitet“, berichtet K., eine Mitarbeiterin der Organisation. Der Bus ist mittlerweile in Polen angekommen, die Menschen sind in größter Sorge, aber in Sicherheit.

Im nun eingekesselten Mariupol versorgen die Mitarbeiter*innen der NGO die Menschen mit Wasser und Lebensmitteln, evakuieren sie aus zerstörten Häusern und bringen sie in Notunterkünfte. Vor Ort sind sie gut vernetzt: Sobald Evakuierungen wieder möglich sind, werden sie mit Großbussen versuchen, Menschen in Sicherheit zu bringen. „Wir arbeiten intensiv daran, Frauen und Kinder vor Gewalt und Tod zu bewahren und psychologisch zu unterstützen, während sie auf die Rückkehr des Evakuierungsbusses warten.“, so K., Psychologin der Partnerorganisation.

Eine starke Zivilgesellschaft ist wichtig

Die Frauenrechtsorganisation vor Ort weiß, wo welche Hilfe gebraucht wird. In dieser humanitären Notlage zeigt sich, wie wichtig starke zivilgesellschaftliche Organisationen sind, nicht nur während einer akuten Krise, sondern auch davor und danach. „Wir sind sehr beeindruckt zu sehen, wie schnell und effizient unsere Partnerinnen aktiv geworden sind. Dank ihrer Expertise und langjährigen Erfahrung sind sie in der Lage, die Nothilfe schnell und bedarfsorientiert zu organisieren“, erklärt Cornelia Grothe, Geschäftsführerin von AMICA. AMICA arbeitet seit 2018 mit Partnerinnen in der Ostukraine zusammen und unterstützt sie dabei, Strukturen zur Unterstützung gewaltbetroffener Frauen aufzubauen. Seit 2014 leben die Menschen dort schon im Krieg, viele leiden unter den Folgen traumatischer Gewalt- und Kriegserfahrungen, waren bereits vor dem Krieg geflohen. Durch Checkpoints isoliert hatten sie auch in der Vergangenheit kaum Zugang zu Hilfsangeboten, medizinischer Versorgung oder psychologischer Beratung. Mit mobilen Teams fuhren die Mitarbeiter*innen der Organisation Ärzt*innen, Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen – tagtäglich in die sogenannte Pufferzone zwischen den Konfliktparteien, oft auch während anhaltender Kriegshandlungen, unterstützten u.a. mit Familien-und Kunsttherapie und beim Aufbau einer neuen Existenz. In verschiedenen Orten der Pufferzone wurden Anlaufstellen für Frauen etabliert, ein Netzwerk aus Selbsthilfegruppen hat sich gegründet. Diese Infrastruktur wird jetzt mehr denn je gebraucht.

Frauen sind besonders stark von Kriegen betroffen

Die AMICA-Partnerorganisation leistet damit dringend notwendige Unterstützung für Frauen. Denn obwohl sie von bewaffneten Konflikten besonders stark betroffen sind, werden die Bedarfe und Erfahrungen von Frauen in Kriegsgebieten meist übersehen. Seit jeher wird sexualisierte Gewalt als strategische Kriegswaffe eingesetzt. Auch häusliche Gewalt steigt in Kriegszeiten. In Kriegen sind Frauen daher einem erhöhten Risiko ausgesetzt, geschlechtsspezifische Gewalt zu erfahren, so auch im ostukrainischen Konfliktgebiet. Zugleich sind Frauen häufig diejenigen, die in Kriegssituationen ihre Familien ernähren müssen, für deren Sicherheit sorgen, und sich als Akteurinnen aktiv für Frieden und Konfliktlösungen einsetzen. [a1] Starke Frauennetzwerke, wie sie AMICA gemeinsam mit ihrer Partnerorganisation aufgebaut hat, sind daher in akuten Krisenzeiten wichtiger denn je, sie legen die Grundlage für Frieden und Wiederaufbau. Diese starke Frauensolidarität ist gerade in der aktuellen Situation spürbar - vor Ort, aber auch zwischen den AMICA-Frauen in Deutschland und den Frauen in den Krisengebieten.

„Wir spüren am Telefon die Angst der Frauen, die über Jahre hinweg in der Pufferzone trotz anhaltender Kämpfe gearbeitet, andere Frauen unterstützt und gestärkt haben. Diese Frauen, die keine Angst zu kennen schienen, sie haben jetzt Angst und ihre Angst macht uns deutlich, was für ein Grauen für die Ukrainerinnen und Ukrainer in der Nacht vom 23. auf den 24 Februar begonnen hat. Wir hier haben nichts was wir dieser Angst entgegensetzen können – außer unsere Offenheit, unsere Verbundenheit“, sagt Dr. Gabriele Michel, Vorstandsvorsitzende AMICA e.V. „Unsere Partnerinnen haben uns immer wieder versichert, wie viel Kraft es ihnen gibt, zu wissen, dass wir sie unterstützen und an sie denken. Das tun wir. Jetzt in großer Sorge. Versuchen zu helfen, wie immer es geht […].“

AMICA e.V. unterstützt Frauen in Kriegs-und Krisengebieten, derzeit in Libyen, im Libanon an der syrischen Grenze, in der Ukraine und in Bosnien-Herzegowina.

 

Spendenkonto:

AMICA e.V.
Volksbank Freiburg
IBAN DE15 6809 0000 0002 1001 00
BIC GENODE61FR1

 

Persönliche Anmerkungen: Die aktuelle Situation ruft starke Erinnerungen an die Gründungsgeschichte des Vereins AMICA e.V. hervor: Das war vor fast 30 Jahren. Damals tobte der Krieg im ehemaligen Jugoslawien und AMICA e.V.  unterstützte Frauen in Bosnien und im Kosovo. Frauen aus der ganzen Nordkirche packten Pflegetaschen mit Hygieneartikel, die wir mit ganzen LKW-Ladungen ins Land schafften. Seither unterstütze ich diesen kleinen Freiburger Verein durch meine Mitgliedschaft und ehrenamtlicher Arbeit. Besonders wichtig ist mir dabei, dass die Arbeit langfristig angelegt ist und die Unterstützung viele Jahre läuft. AMICA heißt Freund*in und das sind uns die Menschen in den Ländern geworden.

Bitte unterstützen Sie gemeinsam mit mir diesen Verein, der eine hervorragende Arbeit leistet. Gern stehe ich auch für Rückfragen zur Verfügung unter birgitt.wpfund@nochgmx.de oder Handy 01749156712.

Vielen Dank!

Birgitt Wulff-Pfeifer, Holm

Die Autorin war bis zu ihrem Ruhestand Referentin im Frauenwerk Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein:

Das Frauenwerk der Nordkirche unterstützt die Arbeit von Amica e.V seit vielen Jahren.