27. Juli 2021

Eine rätselhafte Künstlerin

Meine Freundin Lotte von Anne Stern

Lotte Lasersteins Geschichte ist nicht nur die einer mutigen Künstlerin, sondern auch die von zwei Frauenleben im 20. Jahrhundert. Lotte und Traute – zwei Frauen ringen mit der Kunst, der Liebe, mit Teilhabe, Vereinbarkeit, Freiheitsdrang und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Partizipation. Zwei Frauen, die gemeinsam etwas Neues schafften: ein Bündnis, das die alten Normen vom kreativen Künstler und von seinem passiven Modell neu definierte und die Muse als aktiven Part ins Zentrum von allem rückte», so Anne Stern im Nachwort zu ihrem Roman, «Meine Freundin Lotte», der am 17. August im Kindler Verlag erscheint.
Viele Leserinnen kennen die Autorin durch ihren Besteller-Erfolg, die historische Reihe rund um die Berliner Hebamme Hulda Gold. Im Sommer 2019 warf Anne Stern, so heißt es im Klappentext, eher zufällig einen Blick in den Katalog der Lotte Laserstein-Werkschau in der Berlinischen Galerie und war sofort fasziniert von dieser Künstlerin, die in Deutschland lange Zeit in Vergessenheit geraten war, nachdem sie 1937 aus Furcht vor den Nationalsozialisten nach Schweden emigrierte. Auf Lasersteins ausdrucksstarken Bildern stach ihr vor allem ein Modell ins Auge, das auf zahlreichen ihrer Bilder zu sehen war – mal mit der Künstlerin, mal ohne sie: Traute Rose, das Lieblingsmodell Lasersteins.

Im Archiv der Berlinischen Galerie hatte Anne Stern wenige Monate später die Möglichkeit, den Nachlass von Lotte Laserstein einzusehen:  Briefe, Fotoalben, Ausstellungsflyer, Postkarten - eine wahre Fundgrube. Doch um das so zentrale Modell in Lotte Laserstein Werk, Traute Rose, klaffte in den Dokumenten eine Lücke. Traute Roses Briefe an Lotte Laserstein stehen unter Verschluss.

Anne Stern füllt diese Lücke fiktional mit viel Feingespür und Lebendigkeit. Sie lässt die beiden Frauen 1924 in einer Berliner Suppenküche erstmals aufeinandertreffen, sofort entsteht Nähe zwischen den beiden und vereint sie ihr Leben lang. Diese besondere Beziehung ergründen, bezweifeln, bekämpfen und bewahren die beiden Frauen  - deutlich älter - bei gemeinsamem Sommermonaten in Schweden. Während die Tage in gereizter Atmosphäre scheinbar träge dahinziehen, erinnern sich die Frauen aus ihrer eigenen Perspektive an die gemeinsamen Jahre vor dem Krieg. Nach und nach versteht die Leserin, warum sich ein Schatten auf die Freundschaft gelegt hat -  oder auf ihre Liebe?

Anne Stern nimmt die Leserin sowohl in die sommerliche Idylle Südschwedens mit als auch in das spannende Berlin der zwanziger und dreißer Jahre, wo Armut und bittere Not, aber auch die Aufbruchstimmung der Kunstszene zu spüren ist. Und die ersten Chancen für Frauen wie Lotte und Traute, alte Rollenmuster abzulegen und zu etwas Freiheit und Anerkennung zu gelangen. Doch immer stärker rücken die Erlebnisse der Kriegsjahre in den Fokus der Erinnerung, die auch Lotte und Traute traumatisiert haben und sowohl ihr künstlerisches Schaffen als auch ihre Freundschaft belasten.

Vielen wird  die Malerin  Lotte Laserstein bisher kein Begriff gewesen sein. Mir ging es auch so. Mit diesem spannenden Roman wird sich das ändern. Kunstinteressierte werden künftig die Augen aufhalten nach ihren Werken und ihrer Lebensgeschichte - und der von Traute Rose. 

Inke Pohl

Meine Freundin Lotte, Roman von Anne Stern, Kindler 2021, ISBN 978-3-463-00026-8, € 22,00. Erscheint am 17. August